Psychische Gesundheit von Jugendlichen in Zeiten globaler Krisen
Globale Krisen und damit verbundene Sorgen und Zukunftsängste belasten Kinder und Jugendliche. So zeigt eine groß angelegte Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), dass insbesondere die Corona-Pandemie starke Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Heranwachsenden hatte. Trotz eines Trends zur Verbesserung, der seit dem Ende der Pandemie zu beobachten ist, ist die Belastung der Kinder und Jugendlichen insgesamt weiterhin hoch und aktuell immer noch höher als vor der Pandemie. In der letzten Befragungsrunde im Herbst 2024 gab jede/r fünfte befragte Jugendliche (21%) eine beeinträchtigte Lebensqualität an - vor der Pandemie waren es noch deutlich weniger (15%). Auch psychische Probleme und Auffälligkeiten unter Kindern und Jugendlichen sind häufiger als vor der Pandemie-Zeit (22% gegenüber 18%). Zudem gab jede/r fünfte Befragte an, sich einsam zu fühlen – vor der Pandemie waren es noch 14%.

Dabei sind vor allem die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, wirtschaftliche Unsicherheit und der Klimawandel Themen, die den Jugendlichen Sorgen bereiten. Die repräsentative Stichprobe der Längsschnitt-Studie umfasste in der ersten Befragungsrunde 2020 mehr als 1.000 11- bis 17-jährige Kinder und Jugendliche sowie 1.500 Eltern von 7- bis 17-Jährigen. Es fanden bisher sieben Befragungsrunden der sogenannten COPSY-Studie (COrona und PSYche) des UKE statt. Die achte Befragung ist für Herbst 2025 geplant.
Schutz- und Risikofaktoren
Die COPSY-Studie ergab wichtige Hinweise auf mögliche Schutz- und Risikofaktoren für die psychische Gesundheit von Jugendlichen. Kinder mit starken sozialen und familiären Ressourcen sind demnach psychisch gesünder und insgesamt weniger von Ängsten und depressiven Symptomen betroffen. Besonders gefährdet sind hingegen Kinder, die aus Familien mit geringem Bildungsniveau stammen, in beengten Wohnverhältnissen aufwachsen und deren Eltern psychisch belastet sind.


Rolle der sozialen Medien
Durch soziale Medien werden Kinder und Jugendliche häufig ungefiltert mit belastenden und ihrem Alter nicht angemessenen Inhalte wie Nachrichten über Kriege, globale Krisen oder Katastrophen konfrontiert. Laut der Studie erlebt zudem jede/r fünfte Jugendliche in den sozialen Medien soziale Ausgrenzung und Abwertung. Die Förderung von Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen ist daher eine äußerst wichtige und anspruchsvolle Aufgabe für Erziehungsberechtigte und Schulen.

Versorgungslücke im Bereich der Psychotherapie
Hilfesuchende psychisch belastete Kinder, Jugendliche und ihre Eltern stehen aktuell einer großen Versorgungslücke im Bereich der psychotherapeutischen Versorgung gegenüber.
Zwischen 2009 und 2019 stieg der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die psychotherapeutische Leistungen in Anspruch nahmen, laut dem Barmer Arztreport (2021) von etwa 2 % auf über 4 %. Trotz eines steigenden Bedarfs an psychotherapeutischen Leistungen sind die verfügbaren Kapazitäten oft unzureichend, was zu langen Wartezeiten und regionalen Ungleichheiten führt. Junge Patient:innen müssen im Durchschnitt mehrere Monate auf einen Therapieplatz warten, in ländlichen Gebieten können die Wartezeiten sogar über ein Jahr betragen. Diese Verzögerungen können die psychische Gesundheit der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Schließen der Versorgungslücke mit digitalen Angeboten
Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) setzen dort an, wo die herkömmliche Versorgung an ihre Grenzen stößt. Die Betroffenen erhalten als “App auf Rezept” einen niedrigschwelligen und direkten Zugang zu einer leitliniengerechten und geprüften Therapie. Wenn die DiGA auf Rezept verordnet wird, ist die Anwendung für die Patient:innen kostenfrei. Alle gesetzlichen und die meisten privaten Krankenversicherungen übernehmen dann die Kosten. Für Erwachsene sind bereits DiGA für verschiedene Diagnosen zugelassen, darunter auch psychische Erkrankungen wie Depression, Angst, Schlafstörungen sowie emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline.
Da diese digitalen Anwendungen (bis auf wenige Ausnahmen, die rein somatische Erkrankungen behandeln) erst ab 18 Jahren zugelassen sind, können Kinder und Jugendliche bisher noch nicht von digitaler Therapie profitieren. Es gibt jedoch bereits Bemühungen, diese Versorgungslücke zu schließen, indem digitale Produkte speziell für das Kinder- und Jugendalter entwickelt werden. Die Wirksamkeit eines digitalen Therapie-Programms zur gezielten Behandlung der Insomnie bei Jugendlichen, somnio junior, wird derzeit klinisch geprüft. Die Studie wird am Institut für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP gGmbH) Campus Kiel durchgeführt. Ziel des digitalen Schlaftrainings ist es, die Symptome der Schlafstörung (Insomnie) bei Jugendlichen zu verringern. Das Programm basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I), welche von aktuellen Leitlinien der Schlafmedizin empfohlen wird, und ist gezielt auf die Bedürfnisse von Jugendlichen zugeschnitten.
Positive Effekte der digitalen Schlaftherapie auch bei zusätzlichen Erkrankungen
Die positive Wirkung der KVT-I kann über die Verbesserung der Schlafprobleme hinausgehen: Studien haben gezeigt, dass der Einsatz von digitaler KVT-I auch die Symptome einer Depression sowie Angstsymptome verbessern kann. Diese Erkrankungen treten häufig zusammen auf und beeinflussen sich wechselseitig. Bei Kindern und Jugendlichen mit psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen und Ängsten haben ca. 53% gleichzeitig eine Insomnie.
Speziell auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen ausgerichtete digitale Anwendungen wie das neu entwickelte Schlaftraining somnio junior können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Versorgungslücke in der Kinder- und Jugendpsychotherapie zu schließen. Sie können beispielsweise auch eine ambulante Psychotherapie unterstützen, Wartezeiten überbrücken oder im Entlassmanagement von Kliniken zur Nachsorge verordnet werden.
Quellen
Johnson EO, Roth T, Schultz L, Breslau N. Epidemiology of DSM-IV insomnia in adolescence: lifetime prevalence, chronicity, and an emergent gender difference. Pediatrics. 2006 Feb;117(2):e247-56. doi: 10.1542/peds.2004-2629. PMID: 16452333.
Reddy A, Mansuri Z, Vadukapuram R, Shah K, Thootkur M, Trivedi C. Efficacy of Cognitive Behavioral Therapy for Insomnia for the Treatment of Child and Adolescent Anxiety and Depression: A Systematic Review From Randomized Controlled Trials. J Nerv Ment Dis. 2023 Mar 1;211(3):238-243. doi: 10.1097/NMD.0000000000001613. PMID: 36827635.




